Die Aufgabe der Ernährungsberatung

Zwischen Ernährungstrends, widersprüchlichen Empfehlungen und individuellen Beschwerden stellt sich eine zentrale Frage: Welche Aufgabe hat Ernährungsberatung heute eigentlich?
Ernährungsberatung

Wer sich heute mit Ernährung beschäftigt, muss nicht lange suchen: Innerhalb weniger Minuten begegnet man unzähligen Empfehlungen. Auf Social Media berichten Menschen von ihren Erfahrungen mit bestimmten Ernährungsformen, Podcasts diskutieren neue Ansätze und Bücher versprechen Antworten auf Beschwerden, die von Verdauungsproblemen bis zur Menopause reichen. Gleichzeitig veröffentlichen Fachgesellschaften Leitlinien, Unternehmen entwickeln neue Produkte und nahezu jede Woche entstehen neue Diskussionen über das, was als gesund gilt.

Für Patient:innen und Klient:innen bedeutet das vor allem eines: Sie kommen immer seltener mit einem Mangel an Informationen in die Beratung, und stattdessen mit einer Fülle davon.

Viele haben bereits verschiedene Ernährungsempfehlungen ausprobiert, einzelne Lebensmittel gestrichen oder ganze Ernährungsformen getestet. Bei den einen führt es zu Verbesserungen, bei den anderen zu Frustration. Nicht selten stehen am Ende mehr Fragen als zu Beginn.

Genau an diesem Punkt beginnt die Frage nach der Aufgabe der Ernährungsberatung.

Die Suche nach der ‘richtigen’ Ernährung

Wer sich mit der ‚richtigen‘ Ernährung beschäftigt, denkt häufig zunächst an Ernährungspläne, Rezepte oder No-Go-Listen. Doch die eigentliche Aufgabe reicht weiter.

Menschen unterscheiden sich in ihrem Alltag, ihren Beschwerden, ihren Gewohnheiten und ihren gesundheitlichen Voraussetzungen. Was für eine Person hilfreich sein kann, muss für eine andere nicht automatisch sinnvoll sein.

Patient:innen und Klient:innen stehen selten vor der Frage, welche Ernährung grundsätzlich gesund ist – dazu gibt Google innerhalb weniger Sekunden die erste Antwort. Stattdessen sind sie konfrontiert mit Blähungen, Erschöpfung, Durchfällen, Hautproblemen oder der Sorge, etwas falsch zu machen. Die Aufgabe der Ernährungsberatung besteht deshalb nicht darin, eine allgemeingültige Lösung vorzuschlagen, wie viele Diäten oder Ernährungstrends es suggerieren.

Vielmehr wollen wir nicht danach fragen, „Welche Ernährung ist die richtige?“ sondern: „Welche Ernährung ist für diese Person in dieser Situation sinnvoll und wann ist sie es nicht mehr?“

Ernährungsberatung und Darmgesundheit

Besonders deutlich wird diese Aufgabe im Bereich der Darmgesundheit. In meiner Ordination suchen Patient:innen häufig Unterstützung aufgrund von Blähungen, Verdauungsbeschwerden, Unverträglichkeiten oder anderen Symptomen, die sie mit ihrem Darm in Verbindung bringen. Die meisten haben bereits zahlreiche Empfehlungen gelesen und ausprobiert.

Manche nehmen Probiotika ein oder orientieren sich eben an bekannten Ernährungskonzepten, die sie im Internet gefunden haben. Nicht immer ist dabei klar, welche Maßnahmen tatsächlich sinnvoll sind und welche möglicherweise neue Einschränkungen und Beschwerden schaffen.

Hier kann professionelle Ernährungsberatung helfen, zu klären, welches Problem eigentlich gelöst werden soll, um die individuelle Gesundheit zu verbessern. Gleichzeitig zeigt sich auch eine wichtige Grenze: Nicht jede Beschwerde lässt sich allein über Ernährung erklären. Darmgesundheit ist ein komplexes Thema, das häufig weitere diagnostische oder therapeutische Schritte erfordert.

Ernährungsumstellung bedarf mehr als Wissen

Mich überrascht immer wieder, wie viel Patient:innen und Klient:innen bereits über Ernährung wissen. Sie kennen die Unterschiede zwischen verschiedenen Ernährungsformen und haben sich intensiv mit Lebensmitteln beschäftigt. Trotzdem gelingt eine Ernährungsumstellung nicht immer so, wie sie es sich wünschen.

Das liegt nicht zwangsläufig am fehlenden Wissen. Ernährung findet im Alltag statt und ist mit Gewohnheiten, Familienstrukturen, Arbeitszeiten, Vorlieben und sozialen Situationen verbunden.

Zwischen dem Vorsatz, etwas zu verändern, und der tatsächlichen Veränderung liegen häufig Jahre eingespielter Routinen.

Wer weiß, dass mehr Gemüse sinnvoll wäre, hat deshalb noch lange nicht mehr Gemüse auf dem Teller. Wer verstanden hat, dass Zucker reduziert werden sollte, verändert damit nicht automatisch seine Routinen.

Zu den Aufgaben der Ernährungsberater:innen zählt deshalb nicht nur, häufige Ernährungsfehler zu vermeiden, sondern auch einzuschätzen, welche Veränderungen realistisch sind, welche Schritte sich dauerhaft integrieren lassen und welche Erwartungen möglicherweise angepasst werden sollten.

Gesundheitskompetenz statt Ernährungstrends

Ernährungstrends können neue Perspektiven eröffnen, interessante Diskussionen anstoßen und immer wieder helfen sie auch dem einen oder anderen. Gleichzeitig sorgen sie vor allem für eins: Verunsicherung.

Wer sich regelmäßig informiert, kennt es: Empfehlungen widersprechen einander und während die eine Quelle bestimmte Lebensmittel empfiehlt, rät die nächste davon ab.

Nehmen wir mal das bekannte Beispiel der Zwiebel. Bläht sie nun oder wirkt sie als Präbiotikum? Die Antwort ist dabei gar nicht die Zwiebel. Die Antwort ist der Darm, der die Zwiebel verdaut. Während sie bei einer Person mit einer ausgeprägten FODMAP-Sensitivität Blähungen und Beschwerden auslösen kann, dient sie bei einer anderen Person als Nahrung für nützliche Darmbakterien und unterstützt damit Prozesse, die mit einer gesunden Darmfunktion in Verbindung stehen.

Dasselbe Lebensmittel kann also Beschwerden verstärken oder Teil einer sinnvollen Ernährung sein. Genau deshalb greifen pauschale Ernährungsempfehlungen in den meisten Fällen zu kurz.

 

Fazit

In meinen Augen liegt die Aufgabe der Ernährungsberatung nicht darin, neue Informationen zu liefern, sondern aus Informationen wieder Entscheidungen zu machen. Tipps, Tricks und Diätpläne sind für die meisten Menschen leicht zugänglich geworden. Orientierung dagegen nicht.

Ernährungsberatung bedeutet deshalb nicht, Menschen zu sagen, was sie essen sollen. Sie bedeutet, gemeinsam zu verstehen, welche Rolle Ernährung in ihrer individuellen Situation tatsächlich spielt. Sie bedeutet, Möglichkeiten aufzuzeigen, Grenzen zu erkennen und Empfehlungen dort auszusprechen, wo sie sinnvoll sind.

Vielleicht ist genau das ihre wichtigste Aufgabe: Ernährung weder zu überschätzen noch zu unterschätzen. Denn Ernährung kann vieles beeinflussen, aber sie erklärt nicht alles. Gute Ernährungsberatung hilft dabei, diesen Unterschied zu erkennen. 

Mittwoch, 01.07.2026 | 18:00-19:00 Uhr | Online & kostenfrei

Wo liegen die Möglichkeiten der Ernährungsberatung – und wo ihre Grenzen?

Im Salutogenia Round Table sprechen wir gemeinsam mit Lana Bushnak über die Realität des Berufsalltags, die Verantwortung in der Begleitung von Patient:innen und Klient:innen sowie die Frage, welchen Beitrag Ernährungsberatung heute tatsächlich leisten kann. Ein offener Abend für Austausch, Erfahrungen und unterschiedliche Perspektiven.

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